Praxis · Sexologie
Squirting verstehen.
Was es ist, was nicht — und warum die meisten Männer sich um die falsche Sache kümmern.
Von Sonja Ruess · Sexologin (ABS) · 12 Min Lesezeit
Wenn ein Mann mir in der Praxis sagt, er will, dass seine Partnerin squirtet, frage ich immer dasselbe: Warum eigentlich?
Die Antworten sind erstaunlich gleich. Es soll besser werden für sie. Es soll endlich „was Großes" passieren. Es soll der Beweis sein, dass er es draufhat. Und manchmal — selten gesagt, aber oft gemeint — soll es ein Trophäen-Moment sein. Etwas, von dem man weiß, dass man's geschafft hat.
Das sind die falschen Gründe. Nicht weil Squirting keinen Wert hätte — sondern weil dieser Frame Sex zur Performance macht. Und Performance ist genau das, was Sex zerstört.
Bevor wir aber über das Drumherum reden, kläre ich, was Squirting anatomisch eigentlich ist. Weil 90 Prozent dessen, was du in Pornos siehst, mit dem echten Vorgang wenig zu tun hat.
I. Anatomie
Was eigentlich passiert.
Squirting ist die Ausstoßung von Flüssigkeit aus der Harnröhre — meist während oder nach starker Stimulation der vorderen Vaginalwand, wo die sogenannte Skene-Drüse sitzt. Manche nennen sie weibliche Prostata, weil sie embryologisch und funktionell der männlichen Prostata ähnelt.
Die Flüssigkeit selbst ist eine Mischung. Studien — unter anderem die viel zitierte Salama-Studie aus 2015 — haben sie mehrfach untersucht: Es ist eine Kombination aus dem Sekret der Skene-Drüse und Bestandteilen aus der Blase. Letzteres ist der Grund, warum manche Frauen Squirting reflexhaft mit „ich pinkle gleich" verwechseln und es deshalb verhindern. Tun sie es nicht, kommt die Flüssigkeit raus.
Was du wissen solltest: Die Skene-Drüse ist nicht bei jeder Frau gleich ausgeprägt. Manche reagieren stark, andere kaum. Das ist Biologie. Es ist kein Defizit, wenn deine Partnerin nicht squirtet, und kein Beweis für „besseren Sex", wenn sie es tut.
II. Mythen
Fünf Annahmen, die du vergessen kannst.
„Squirting ist die höhere Stufe."
Nein. Es gibt keine Hierarchie weiblicher Orgasmen. Klitorisch, vaginal, mit oder ohne Squirting — alles gleich gültig, alles gleich „echt". Wenn dir jemand sagt, der eine sei „besser" als der andere, hat er entweder schlechten Sex oder schlechte Bücher gelesen.
„Wenn sie nicht squirtet, machst du was falsch."
Auch falsch. Und gefährlich. Weil dieser Glaube genau den Performance-Druck erzeugt, der dafür sorgt, dass im Bett gar nichts mehr passiert. Manche Frauen squirten gelegentlich, manche nie, manche jedes Mal. Das ist anatomisch und situativ — kein Beweis für oder gegen dich.
„Was im Porno spritzt, ist echt."
Selten. In den meisten Mainstream-Pornos ist das, was du siehst, Wasser, Schnitt, Pose oder eine sehr selten produzierende Performerin, deren Körper auf Knopfdruck reagiert. Die Bilder, die dadurch in deinem Kopf entstehen, sind ein schlechter Maßstab für deinen realen Sex.
„Squirting ist nur Urin."
Teilweise. Die Flüssigkeit enthält tatsächlich Urin-Bestandteile, weil die Blase mitspielt — aber auch das Sekret der Skene-Drüse, das chemisch näher am männlichen Prostata-Sekret ist. „Nur Urin" ist also genauso falsch wie „kein Urin".
„Sie zum Spritzen zu bringen, ist ein Beziehungs-Win."
Das ist die schädlichste Annahme von allen. Wenn du sie als Trophäe siehst, machst du Sex zu deiner Performance — und ihre Lust zu deiner Aufgabe. Das torpediert genau das, was Sex schön macht: dass beide loslassen können, ohne ein Ergebnis liefern zu müssen.
III. Praxis
Was im Bett wirklich passieren muss.
Was Frauen in meiner Praxis darüber sagen, ist erstaunlich konsistent. Squirting passiert nicht, wenn der Partner es will. Es passiert, wenn sie selbst entspannt genug ist, ihre Blasenkontrolle loszulassen — und nicht in den Modus „ich darf jetzt nicht pinkeln" geht.
Das heißt: Bevor du irgendeine Technik probierst, muss zwei Dinge geklärt sein. Erstens, dass es OK ist, wenn nichts passiert. Zweitens, dass es OK ist, wenn dabei das Bett nass wird — auch wenn es nur Urin wäre. Beide Sätze gehören gesagt, nicht gedacht.
Erst dann hat ihre Skene-Drüse eine Chance. Stimulation der vorderen Vaginalwand mit klarem Druck, Tempo, das auf sie zugeschnitten ist, und genug Zeit. Im Programm gehe ich Schritt für Schritt durch das, was funktioniert. Aber die Voraussetzung ist immer dieselbe: ihr Nervensystem muss aus dem Alarmmodus raus.
Wenn sie zwei Stunden vorher mit den Kindern geschimpft hat, mit dir gestritten hat oder einen Auftrag verloren hat — wird nichts squirten. Egal wie gut deine Technik ist.
Was vor jeder Praxis kommt
Squirting ist nie nur Anatomie.
Was im Bett möglich ist, hängt davon ab, was außerhalb des Betts passiert. Mental Load. Performance-Druck. Ob ihr eure Bedürfnisse aussprecht. Ob ihr Streit ansprecht oder runterschluckt. Ob das Nervensystem Ruhe findet.
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Über sowas reden wir im 1:1.
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Über die Autorin
Sonja Ruess
Sexologin (ABS), Beziehungs-Mentorin, SPIEGEL-Bestseller-Autorin von Der Elefant in deinem Bett. Studio Ravensburg. Schreibt seit 2014 über Sex, Beziehung und Körperarbeit — ohne Wellness-Geschwurbel.
Inhalt für Personen ab 18 Jahren · sachlich, sexologisch, ohne pornografische Darstellungen