Praxis · Sexologie
Anal verstehen.
Nichts, wofür du dich schämen musst. Aber etwas, das die meisten Paare falsch angehen — und sich deshalb dauerhaft verbieten.
Von Sonja Ruess · Sexologin (ABS) · 14 Min Lesezeit
Wenn ich in der Praxis frage, ob Paare schon mal über anale Praxis gesprochen haben, wird es still. Dabei haben die meisten neugierig drüber nachgedacht — keiner hat sich getraut, es auszusprechen.
Das ist die seltsame Lage, in der wir mit dem Thema sind. Pornos sind voll davon. Studien sagen, dass weit mehr Paare es probiert oder darüber fantasiert haben, als das in den Statistiken landet. Und gleichzeitig ist es das tabuisierteste Sex-Thema, über das ich rede — neben Squirting und vorzeitiger Ejakulation.
Wenn du gerade unsicher bist, ob du das hier weiterlesen willst — bleib kurz dran. Es geht hier nicht darum, dich zu was zu überreden. Es geht darum, dass du verstehst, was anatomisch eigentlich passiert. Damit du selbst entscheiden kannst, ob das was für dich ist. Und falls ja: damit du es nicht mit dem ersten Versuch kaputt machst.
Das ist nämlich der häufigste Fehler. Paare probieren es einmal, ohne Vorbereitung, ohne Gespräch, ohne genug Lubrication. Es tut weh, jemand zuckt zurück, beide haben ein Mini-Trauma, und das Thema ist für die nächsten zehn Jahre verbrannt. Schade — denn das wäre vermeidbar gewesen.
I. Anatomie
Was wirklich da unten ist.
Der Anus hat zwei Schließmuskeln. Der äußere ist willkürlich kontrollierbar — den kannst du bewusst entspannen. Der innere ist autonom. Der reagiert auf das Nervensystem. Wenn du oder dein Partner gerade unter Stress steht, oder nervös ist, oder Angst hat: Der innere Sphinkter ist zu. Egal wie sehr ihr's wollt.
Das ist der erste Punkt, den die meisten übersehen. Du kannst da nicht „durch" wollen. Wenn das Nervensystem nicht entspannt ist, geht das nicht — und wenn du forcierst, tut's weh. Punkt.
Der zweite Punkt: Der anale Bereich hat extrem viele Nervenenden. Das ist auch der Grund, warum es überhaupt ein Sex-Thema ist — nicht Tabubruch um des Tabubruchs willen, sondern weil es körperlich was auslöst. Bei Männern liegt zusätzlich die Prostata gut zugänglich (etwa 5–7 cm tief), und die ist ein eigener Lust-Hotspot.
Was bedeutet das praktisch: Beide — Mann und Frau — können von analer Stimulation etwas haben. Es ist nicht „nur was für Frauen", die das tolerieren. Und es ist nicht „nur was für Schwule" — eine der absurdesten Mythen, die im Umlauf ist und die ich hier kurz auseinanderpflücke.
II. Mythen
Sechs Annahmen, die du ablegen kannst.
„Wenn du als Mann Anales magst, bist du schwul."
Anatomie ist keine sexuelle Orientierung. Männer haben eine Prostata, die anal gut erreichbar ist und reagieren kann — das hat exakt nichts damit zu tun, ob du Männer oder Frauen begehrst. Diese Verknüpfung ist eine kulturelle Erfindung, keine biologische Tatsache.
„Anal tut immer weh."
Falsch — wenn man's richtig macht. Schmerz beim ersten Versuch ist fast immer Folge von zu wenig Lubrication, zu schnellem Tempo, oder einem Nervensystem im Alarm-Modus. Wenn die Vorbereitung stimmt und beide entspannt sind, passt etwas gerade so durch — und es tut nicht weh. Es kann sich für Anfänger:innen erstmal ungewohnt anfühlen, das ist was anderes.
„Anal ist eklig."
Realistisch: Manchmal kann etwas passieren. In den meisten Fällen nicht — der Bereich ist deutlich „sauberer", als die meisten denken. Wer aufmerksam mit dem eigenen Körper umgeht (z.B. ein paar Stunden vor dem Sex bewusst auf die Toilette geht, ggf. eine Mini-Reinigung), reduziert das Risiko massiv. Und wenn doch was ist: dann unterbricht man, wäscht sich, gut. Kein Drama.
„Wer Anales mag, ist pervers."
Studien sagen, dass je nach Erhebung 30–50 % aller Paare in Deutschland mindestens einmal anale Praxis ausprobiert haben. Manche regelmäßig, manche einmalig, manche nicht — alle sind nicht pervers, sondern einfach Menschen, die ihren Körper kennen. Wer wertet, hat ein Problem mit Sex generell, nicht mit Anal.
„Anal ist die nächste Stufe / die Steigerung."
Nein. Anal ist eine andere Form von Sex, nicht eine „höhere". Es gibt keine Hierarchie. Wer anal will, weil er „mehr" oder „verbotener" haben will, geht aus den falschen Gründen ran — und die Wahrscheinlichkeit, dass es scheitert, ist hoch. Es funktioniert besser als gemeinsame Neugierde, nicht als Performance-Stufe.
„Wenn sie es nicht will, will sie dich nicht genug."
Auch hier: nein. Anale Praxis ist ein Bereich, in dem Konsens nicht verhandelbar ist. Wenn deine Partnerin das nicht will, hat das nichts mit dir zu tun, mit ihrer Liebe, mit der Beziehung. Es ist eine Präferenz. Punkt. Wer Druck macht oder mit Liebes-Beweis argumentiert, betreibt Manipulation — keinen Sex.
III. Praxis
Was wirklich passieren muss.
Die wichtigsten drei Sachen, in dieser Reihenfolge: Gespräch. Lubrication. Tempo. Wenn eine davon fehlt, geht es schief.
Gespräch heißt: nicht „lass uns mal" mitten drin, sondern vorher, angezogen, auf dem Sofa. Was reizt euch? Was macht Angst? Was sind eure roten Linien? Wie ist das Stop-Signal? Wer initiiert? Wenn ihr darüber nicht reden könnt, seid ihr für die Praxis nicht bereit. Punkt.
Lubrication heißt: nicht ein Tropfen Spucke, sondern ein wasserbasiertes oder silikonbasiertes Gleitgel — und zwar reichlich. Der Anus produziert keine eigene Feuchtigkeit. Wer hier spart, sorgt selbst für die Schmerzen, die er eigentlich vermeiden will.
Tempo heißt: zehnmal langsamer, als du denkst. Erst nur Berührung außen. Dann ein Finger, langsam. Pause. Reden. Atmen. Erst wenn das entspannt geht, wird's das nächste Level. Und auch dann nicht hetzen. Anale Praxis ist kein Sprint — es ist Slow-Sex per Definition.
Was du noch wissen solltest: Wenn beim ersten Mal etwas nicht klappt, ist das kein Versagen. Es ist Information. Vielleicht war die Stimmung nicht da, vielleicht das Nervensystem gestresst, vielleicht das Tempo falsch. Pause machen, neu reden, später wieder versuchen. Nicht jetzt einen Frust-Versuch hinterhersetzen — das erzeugt das Trauma, das ihr beide nicht wollt.
Ein letzter Satz
„Wenn dich der Gedanke an anale Praxis interessiert — du bist normal. Wenn dich der Gedanke abstößt — du bist auch normal. Beides geht. Schäme dich für nichts davon."
— Sonja
Was vor jeder Praxis kommt
Anal anfangen heißt, über Sex reden können.
Was anale Praxis möglich oder unmöglich macht, hängt nicht vom Wissen ab — es hängt davon ab, ob ihr in der Beziehung ehrlich übereinander reden könnt. Über Bedürfnisse. Über Grenzen. Über das, was ihr nicht aussprecht.
Genau darum geht es in Der Elefant in deinem Bett. Mein SPIEGEL-Bestseller — keine Stellungs-Tipps, keine Praxis-Anleitung. Sondern das, was viele Paare blockiert, bevor sie überhaupt zu solchen Themen kommen.
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Über sowas reden wir im 1:1.
Was hier im Artikel steht, ist die theoretische Karte. Was bei euch konkret möglich ist — eure Beziehung, eure Geschwindigkeit, eure Sorgen — gehört in ein persönliches Gespräch. Im Mentoring nehme ich mir die Zeit dafür. Erst-Beratung kostenlos.
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Über die Autorin
Sonja Ruess
Sexologin (ABS), Beziehungs-Mentorin, SPIEGEL-Bestseller-Autorin von Der Elefant in deinem Bett. Studio Ravensburg. Schreibt seit 2014 über Sex, Beziehung und Körperarbeit — ohne Wellness-Geschwurbel.
Inhalt für Personen ab 18 Jahren · sachlich, sexologisch, ohne pornografische Darstellungen